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spin – Ohne Leiter keine Übung

spin - sport interkulturell (Logo)

(von Nicolas Richter)

Der TuS Hamborn-Neumühl hat die Struktur vieler Vereine – und die Sorgen: Zu wenige Jugendliche, zu wenig qualifiziertes Sportpersonal. Unter diesem allgemeinen Problemdruck findet kulturelle Integration oft zwangsläufig statt.

Der „spin“-Partner

Mitgliederverlust gehört zum Alltag des organisierten Sports. Was aber der TuS Hamborn-Neumühl Ende 2013 erlebte, ging weit über Alltägliches hinaus. Zwei Leichtathletiktrainer verließen den Verein im Duisburger Norden, um einen eigenen Klub zu gründen – und weil sie die treibenden Kräfte der Abteilung waren, gingen fast 50 Kinder und Jugendliche mit, rund 10 Prozent der TuS-Gefolgschaft. Die Vereinsspitze schrieb die Mitglieder und ihre Eltern an und warb für das Ersatzangebot „Spiele spielen“, woraufhin immerhin die 3- bis 7-Jährigen blieben; nicht aber die Älteren, schon sportlich Orientierten. Geschäftsführerin Claudia Schmuck sagt: „Natürlich hätten wir die Leichtathletikabteilung gern behalten, aber wir haben keine adäquaten neuen Fachübungsleiter gefunden.“

Letzteres ist ein wunder Punkt beim TuS. In Claudia Schmucks Worten: „die Herausforderung der Zukunft“. Denn wie viele andere Vereine (nicht nur) dieses Zuschnitts – ehrenamtliche Führung, mehrere Sparten in Breiten- und Leistungssport, großstädtisches Umfeld – mangelt es ihm an qualifiziertem Sportpersonal; erst recht an solchem, das nachmittags und am frühen Abend verfügbar ist. So konnte einer der zwei Abgänger nicht nur den Vereinsnachwuchs, sondern auch eine von „spin“ geförderte Leichtathletik-AG an einer Ganztagsschule betreuen.

Der TuS, vom Landessportbund NRW als „kinderfreundlich“ anerkannt, kooperiert oft mit Schulen und auch Bewegungskindergärten – aber nicht mehr so oft wie einst. Neben Übungsleitern fehlt inzwischen die Hoffnung, damit viel zu gewinnen. Laut Claudia Schmuck haben die AGs „nicht viele neue Mitglieder gebracht“. Zugleich ging durch den offenen Ganztag Nachwuchs verloren. Dennoch sind seine Kindergruppen, von „Spiel, Spaß, Bewegung mit Eltern“ bis Tanzen und Turnen, gut besucht, den vielen jungen Familien im kulturell bunten Stadtteil sei Dank. „Einige dieser Kinder sprechen nur Türkisch, wenn sie zu uns kommen“, sagt Schmuck. Zwar hat der Verein keine türkischsprachigen Trainer, dennoch ist das nicht wirklich das Problem. Das sieht die Geschäftsführerin vielmehr darin, dass „wir im Moment nur im Handball und im Badminton Angebote für Jugendliche haben, um die Kinder später aufzufangen“. Auch da gilt: Übungsleiter dringend gesucht.

Projekt und Prozess

Die Partnerschaft des TuS mit „spin“ begann 2007. Lag der Fokus zwischenzeitlich vermehrt auf Schulkooperationen, hat er sich inzwischen wieder auf das Kerngeschäft des Vereins verlagert. Nach dem Ende der Leichtathletik-AG unterstützt „spin“ zwar den Einsatz einer Badminton-Trainerin an der gleichen Schule, hauptsächlich aber interne Angebote: Tanzen für 7- bis 12-Jährige, eine Gruppe „Spiel, Spaß und Bewegung für Kinder und Eltern“ sowie zwei Kurse „Spiele spielen“. Neben der aus den Ex-Leichtathleten geformten Gruppe für Kinder zwischen 3 und 7 hat sich inzwischen eine für 7- bis 11-Jährige etabliert, der Geduld von Verein und Übungsleiter sei Dank. Zu Beginn hatte Christian Schmuck, Claudias Sohn, mehrmals unverrichteter Dinge heimfahren müssen, weil er allein in der Halle stand. Das änderte sich nach einiger Zeit, heute ist auch dieser Kurs proppenvoll (siehe Interview).

Ergebnis und Perspektive

Claudia Schmuck hat nicht den Eindruck, dass die Kooperation mit „spin“ die Mitgliederzusammensetzung beim TuS entscheidend verändert hätte. „Wir hatten schon vorher viele Menschen mit Migrationshintergrund im Verein“, sagt sie. „In einem Stadtteil wie Neumühl gehen Kinder aus türkischen oder russischen Familien genauso in den Sportverein wie die aus deutschen. Die Eltern unterstützen das in der Regel, auch wenn sie selbst nicht gehen würden.“ Zugleich scheinen aber auch diese Kinder eher selten durch Schul-AGs zum Beitritt motiviert zu werden. „So eine Überführung klappt vor allem bei Vereinen, die sich auf eine bestimmte Sportart konzentrieren“, meint Claudia Schmuck.

Natürlich hat der Verein einige zentrale Erkenntnisse gewonnen. Zum Beispiel die, dass Schul-AGs keine Mitglieder bringen, wenn es kein unmittelbar anschlussfähiges Angebot im Verein gibt. Vor allem aber auch die ganz Grundlegende, eine wichtige integrative Rolle zu spielen für den von vielen sozial Benachteiligten bewohnten Stadtteil. Abgesehen davon kamen schon auch einige neue Mitglieder, etwa durch „Spiele spielen“: „Ich bin nicht sicher, ob wir die Stunden ohne Unterstützung von ,spin‘ so lange bezahlt hätten, als am Anfang keine Kinder kamen“, sagt Schmuck. Nun geht sie davon aus, dass das Angebot auch ohne Förderung fortgeführt würde, ebenso wie alle anderen „spin“-Maßnahmen. Das Kernproblem betreffend, Stichwort Übungsleiter, gibt es zumindest kleine Fortschritte: Christian Schmuck hat sich mit „spin“ in Sachen „interkulturelles Lernen durch Spiele“ weitergebildet und Spaß an der Anwendung. Und eine 17-Jährige Betreuerin im Kinderturnen mit türkischen Wurzeln macht eine Übungsleiterlizenz.